Wissenswertes:

 

Wenn Bewegung plötzlich schmerzt – der Bandscheibenvorfall!     

Viele Patient*innen kommen mit akuten Rückenschmerzen in die Praxis und fragen besorgt, ob sie einen Bandscheibenvorfall haben. Sie haben oft schon jahrelange Erfahrungen mit Rückenschmerzen und bringen gleich Ihre Untersuchungsergebnisse mit. Befunde sind wichtig, denn sie helfen osteopathisch tätigen Therapeut*innen, die bestehenden Beschwerden einzuordnen, um nach einer anschließenden genauen körperlichen Untersuchung entweder selbst zu behandeln oder dem*der Patient*in andere Therapeut*innen oder Fachärzt*innen zu empfehlen.

Bei Rückenschmerzen denken viele Menschen an einen Bandscheibenvorfall, aber nicht jeder Rückenschmerz ist auch ein Bandscheibenvorfall. Rückenschmerzen lassen sich unterscheiden zwischen solchen, die unspezifisch sind, also deren Ursache nicht eindeutig ist, und spezifischen, denen eine Ursache wie Fehlbelastungen, Schädigungen oder Erkrankungen an den Gelenken, am Bindegewebe oder den Muskeln und Knochen zugeordnet werden kann. Hier lässt sich der Bandscheibenvorfall einordnen.

Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts litten im letzten Jahr 61,3% der Befragten an Rückenschmerzen des unteren Rückens und 45,7% an Schmerzen des oberen Rückens.           

                                            

Wo können diese Schmerzen herkommen?

Schauen wir uns dazu zunächst den Aufbau der Wirbelsäule an. Ein Blick auf die Wirbelsäule zeigt ein fantastisches System aus Stabilität und Beweglichkeit, bestehend aus sieben Halswirbeln, 12 Brustwirbeln und fünf Lendenwirbeln. Das sich anschließende Kreuzbein und Steißbein sind verschmolzene Wirbelkörper.

Ein kräftiger Wirbelkörper, vergleichbar mit einer zentimeterhohen runden Scheibe, trägt das Gewicht, Dornfortsätze zur Seite und nach hinten bilden Gelenkflächen zum oberen oder unteren Wirbel (sogenannte Facettengelenke) und sorgen für die notwendige Beweglichkeit.

Um die Wirbelsäule zu stabilisieren, gibt es ein kräftiges Band (Ligamentum longitudinale anterius und posterius) vor und hinter den Wirbelkörpern, das von oben nach unten läuft, ähnlich dem Band, das die Latten eines Lattenrosts stabilisiert. Zwischen Dornfortsatz und Wirbelkörper befindet sich der Wirbelkanal, der das ummantelte Rückenmark führt. Auf jeder Zwischenwirbelhöhe rechts und links führen Nervenfasern (Spinalnerven) aus dem Rückenmark, die zu Muskeln, inneren Organen und zur Hautoberfläche ziehen, um diese zu innervieren.

 

Und wo befindet sich jetzt die Bandscheibe?

Sie sitzt als Puffer zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Aufgebaut ist sie aus einem festen Bindegewebsring (Anulus fibrosus), in dem sich ein gallertartiger Kern (Nucleus pulposus) befindet. Aufgabe dieses straffen Faserringes ist es, eine hohe mechanische Zugfestigkeit zu gewährleisten. Biegt sich die Wirbelsäule zu einer Seite, kann der Kern zur anderen Seite ausweichen.

 

Was passiert bei einem Bandscheibenvorfall?

Schnell wollen wir noch die letzte Getränkekiste aus dem Auto hieven und dann ist es passiert! Wir spüren einen heftigen Schmerz im unteren Rücken, sind eingefroren in der Bewegung, spüren ziehende Schmerzen am Bein entlang und haben womöglich keine Kraft mehr zu laufen. Irgendwie schaffen wir es zum Arzt, glücklicherweise ist ein Notfalltermin zur MRT (Magnetresonanztomografie) frei und dann sieht man das Ergebnis: Ausgelaufen wie die Marmelade aus einem Krapfen drückt der gallertartige Kern nun auf die Nervenbahnen und verursacht die starken Schmerzen. Das ist der Bandscheibenvorfall.

Je nach Höhe, auf der der Kern der Bandscheibe ausgetreten ist, drückt er auf die sensiblen Fasern, dann kommt es zum Kribbeln und zu Taubheitsgefühlen in den nachfolgenden Innervationsgebieten. Bei Irritation der motorischen Fasern bedeutet das einen Kraftverlust bis hin zu einer Lähmung der dazugehörigen Muskeln. In diesem Fall wird ein*e Neurochirurg*in operieren. 

 

Was kann Osteopathie bei einem Bandscheibenvorfall leisten?

Bandscheibenvorfälle sollten grundsätzlich erst fachärztlich abgeklärt werden. Sie können akut auftreten oder schon länger bestehen.

In der osteopathischen Praxis werden bei einem akuten Bandscheibenvorfall zuerst verschiedene neurologische Test durchgeführt (z.B. Krafttests der Muskeln, Überprüfung) der Sensibilität der Haut, Reflextestung und Reizung des Rückenmarks), um klären zu können, ob osteopathisch behandelt werden kann.

Erlauben die Testergebnisse osteopathisch zu behandeln, wird der*die Therapeut*in in ersten Linie versuchen, das Gebiet des akuten Bandscheibenvorfalls zu entlasten. Hierzu werden Techniken zur Muskelentspannung benutzt, denn häufig ist der Rücken ganz schief in der Haltung, weil sich der*die Patient*in vor lauter Schmerzen gar nicht mehr traut, aufrecht zu gehen.

Drainagetechniken werden angewandt, um eine venöse Schwellung um den Wirbel herum zu beseitigen. Große Beachtung findet dabei das Zwerchfell (Diaphragma abdominale) als kuppelartige Muskel-Sehnen-Platte ähnlich einem Sonnensegel, das an verschiedenen Punkten im Rücken und Bauch befestigt ist. Es trennt den Brust- vom Bauchraum und hat drei große Öffnungen für die Bauchschlagader, die Speiseröhre und die Vena cava, die als großes Gefäß das venöses Blut wieder zum Herzen fließen lässt.

Eine optimale Spannung und Aufhängung dieses „Segels“ sorgt für einen entlastenden Rückfluss aus den Stauungsgebieten der Wirbel hin zum Herzen und kann somit schmerzlindernd wirken. Es verbessert auch oft die Haltung, denn bei Schmerzen wird meist nicht gut und tief genug geatmet und das sorgt für mangelnde Dynamik im Körper.

Darüber hinaus wird versucht, beruhigend auf das Nervensystem einzuwirken. Dazu können beispielsweise die Positionen der einzelnen Wirbel untersucht und sanft über Techniken der muskulären An- und Entspannung korrigiert werden. Das entlastet das Nervensystem und nimmt die starke Irritation.

Nach der akuten Schmerzphase sollten Patient*innen die osteopathische Praxis erneut aufsuchen, damit gemeinsam herausgefunden werden kann, warum der Bandscheibenvorfall entstanden ist. Natürlich kann die beispielhaft genannte falsche Bewegung unter großer Last der Auslöser für das akute Geschehen sein, aber in der Osteopathie will man gerne an die tieferen Ursachen des Bandscheibenvorfalls. Meist sind jahrlange Fehlbelastungen im muskulären und skelettalen System Ursache für die Fehlstatik. Diese können auch durch Spannungen im Organ- oder dem Nervensystem begünstigt werden. In eine osteopathische Behandlung werden meist alle Beschwerdefelder des*der Patient*in einbezogen und damit auch dem Wunsch nach einer „ganzheitlichen“ Behandlung des Menschen entsprochen.

 

Übrigens noch ein interessanter Fakt:

Nicht alle Bandscheibenvorfälle, die man in einer MRT sieht, sind auch symptomatisch. Viele Bandscheibenvorfälle sind Zufallsbefunde und verursachen keine Schmerzen oder andere Symptome. Eine Kontrolle der Stabilität und Beweglichkeit der Wirbelsäule durch den*die osteopathische*n Behandler*in, kann trotzdem sinnvoll sein.

 

Quelle: hpO

 

 

Zeitungsartikel & Interviews:

Marbacher Zeitung vom 23.11.2019



Ludwigsburger Wochenblatt vom 10.10.2019



Zeitschrift proFit der BKK-VBU 2/2019



Leben und Wohnen in Pleidelsheim 2016